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Aktuelle Beispiele
Im März 2026 gründete Buhl Data Service, der Hersteller von WISO Steuer, eine eigene Tochtergesellschaft für Finanzdienstleistungen: die Buhl Financial Service GmbH. Der Unternehmensgegenstand dieser neuen Gesellschaft ist die Vermittlung von Versicherungs- und Finanzdienstleistungen aller Art, einschließlich der Mitwirkung bei der Verwaltung und Erfüllung von Versicherungsverträgen.1 Dem Eintrag nach wurde der Gesellschaftsvertrag am 4. März 2026 geschlossen und die Eintragung in das Handelsregister beim Amtsgericht Siegen erfolgte am 19. März 2026.1
Passend zu dieser Entwicklung wirbt Buhl bereits für einen Versicherungsservice, der Policen von über 300 Versicherern vergleicht, bestehende Verträge prüft und als Versicherungsmakler auftritt.2
Schaut man auf den Markt rund um Finanzdienstleistungen, lässt sich ein Muster erkennen. Was Buhl mit Versicherungen aufbaut, passiert gleichzeitig in mehreren Kategorien, unterschiedlich ausgeprägt und umgesetzt, aber grundsätzlich mit einer gemeinsamen These. Beispiele dafür finden sich zuhauf:
Lexware integriert Banking direkt in seine Buchhaltungssoftware. Das Lexware Geschäftskonto ist kein eigenständiges Produkt, sondern zusammen mit Lexware Office buchbar. Damit können Kontobewegungen automatisch in die Buchhaltung fließen. Banking und Accounting finden somit nicht mehr getrennt voneinander statt, sondern werden gemeinsam von einem Anbieter übernommen.3
Finanzguru geht den umgekehrten Weg: Von der Bankdaten-Aggregation aus erweitert die App ihre Funktionalität systematisch um Vertragsprüfungen, Versicherungsservices und Finanzanalysen. Auch hier verschmelzen mehrere Dienstleistungen zu einer zentralen Plattform rund um persönliche Finanzen.4
Ebenso CLARK. Das Unternehmen startete als Versicherungsmakler und erweitert sein Angebot um Produkte rund um Steuern und Altersvorsorge. In der Schweiz positioniert sich CLARK sogar explizit als „Partner für Steuern, Versicherungen und Finanzen“. Genau in die Richtung eines einzelnen Platzes für diverse Finanzdienstleistungen, wie ebenfalls bei den anderen Anbietern zu beobachten.5
All diese Beispiele unterstreichen eine interessante Dynamik, die die folgende Frage aufwirft.
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Haben Finanzdienstleister mit eindimensionalem Produktangebot eine Zukunft?
In der Vergangenheit waren Finanzdienstleister überwiegend eindimensional aufgestellt. Jedes Produkt, sei es Konto, Versicherung, Kredit, Steuer oder Vorsorge, hatte einen eigenen Anbieter, eine eigene Kundenbeziehung und eine eigene Anlaufstelle. Für das Tagesgeldkonto hatten Verbraucher ihre Hausbank, für den Kredit einen separaten Anbieter, für Versicherungen wiederum einen anderen Spezialisten. Für den Kunden bedeutete das: fragmentierte Informationen und viele Ansprechpartner in einem eigentlich zusammenhängenden Kontext. Wer eine vollständige Übersicht über die eigene finanzielle Situation und speziell Planung wollte, musste selbst das Puzzle aus Kontoauszügen, Versicherungen, Krediten und Steuern zusammensetzen.
Was sich nun vermehrt zeigt, ist eine Trennung in zwei Schichten:
Zwei Schichten
- Plattform und KundenbeziehungDie Plattform, die der Kunde besucht und nutzt. Hier liegt die Kundenbeziehung und die zentrale Anlaufstelle für alle Dienstleistungen.
- Dienstleistung und InfrastrukturDer Anbieter, der die Dienstleistung tatsächlich erbringt. Oft ein Spezialist, der sein Produkt in fremde Plattformen einbetten kann.
Wie unsere Beispiele in der Einleitung zeigen: der Ort, den die Kunden besuchen, konsolidiert sich, viele Plattformen bieten mehr Dienstleistungen an, als ihr eigenes Kerngeschäft vermuten lässt. Gleichzeitig bedeutet dies zumeist nicht, dass jede Dienstleistung wirklich von der entsprechenden Plattform abgewickelt wird. Oft werden Funktionen anderer Service-Provider eingebettet und auf einer zentralen Plattform aggregiert.
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Die Kundenbeziehung öffnet den Weg für weitere Services
Entscheidend für das Verständnis werden also zwei zentrale Blickwinkel: Wer bietet die Oberfläche, über die ein Kunde sein finanzielles Leben steuert, und wer bietet die Infrastruktur und Funktionalität für die entsprechenden Dienstleistungen?
McKinseys Analyse zu Embedded Finance in Europa beleuchtet genau diese Perspektive: die Customer Platform, also den potenziellen One-Stop-Hub for Finance, und den Financial Services Provider: die Bereitsteller der Funktionalität und Infrastruktur im Hintergrund. Die Zahlen zeigen: Laut McKinsey generierte Embedded Finance in Europa 2023 bereits rund 20 bis 30 Milliarden Euro und könnte bis 2030 über 100 Milliarden Euro erreichen, das wären 10 bis 15 Prozent der gesamten europäischen Banking-Erlöse. Bis zu 25 Prozent aller Retail-Banking-Verkäufe an Privatkunden und KMU könnten dann über eingebettete Funktionen laufen.6
Die strategische Implikation ist klar: Die Kundenbeziehung und der Point of Sale konzentrieren sich. Nicht jeder Anbieter und jede Funktion erhält eine eigene Plattform, stattdessen wird immer häufiger eine zentrale Plattform Sammelpunkt verschiedenster Dienstleistungen von unterschiedlichen Anbietern.
Doch die Kundenbeziehung allein erklärt die Dynamik nicht vollständig. Entscheidend ist auch, welchen Kontext eine Plattform über ihren Kunden besitzt. Eine Bank sieht Transaktionen. Ein Versicherer sieht Policen und Einsparpotenziale. Ein Broker sieht Investments. Eine Buchhaltungssoftware sieht die geschäftliche Aktivität. Über Open-Banking-Provider können diese Daten geteilt und eingesehen werden. Die Frage ist eher: Wo fühlt sich der zentrale Hub für Finanzen am natürlichsten für den Endkunden an?
BCG bestätigt diese These aus einer anderen Richtung. In ihrer Analyse „Moving Embedded Finance from Promise to Practice“ argumentiert BCG, dass vertikale SaaS-Plattformen zunehmend zum „Operating System“ für KMU werden, und dabei strukturelle Vorteile gegenüber traditionellen Banken besitzen. Der adressierbare Markt für Embedded Finance in Nordamerika und Europa liegt laut BCG und Adyen bei rund 185 Milliarden Dollar, von denen bisher nur etwa 32 Milliarden erschlossen sind. Mehr als 80 Prozent des Marktes sind also noch offen.7
Eine mögliche These: Die wertvollste Finanzplattform der Zukunft ist nicht zwingend diejenige mit den meisten eigenen Produkten, sondern diejenige mit dem besten Kontext über den Kunden. Denn genau dieser Kontext und die aggregierten Kundendaten erlauben es, kostengünstig personalisierte Produkte anzubieten.
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Von Embedded Banking zu Embedded Everything
Banking war die erste Kategorie, die systematisch eingebettet wurde. BaaS-Anbieter wie Swan, Solaris oder Banking Circle ermöglichen es Plattformen, Konten, Zahlungen und Karten in ihr Produkt zu integrieren, ohne selbst eine Banklizenz zu benötigen. Swan beschreibt den Schlüsselbegriff treffend: Kontextualisierung. Statt „Hier ist ein Bankkonto“ sagt die Plattform: „Hier ist die Funktionalität, die du brauchst, genau dort, wo du sie brauchst.“8
Versicherungen folgen demselben Muster. Die Zurich Edge Plattform beispielsweise lässt Partner Versicherungsprodukte direkt in ihre Kundenerlebnisse einbetten: mit eigener UI, API-Anbindung und White-Label-Optionen. Der Versicherer stellt die regulierte Funktion bereit; der Partner behält Oberfläche und Kundenbeziehung. Zurich Edge arbeitet mit diesem Modell bereits mit über 40 digitalen Partnern.9
Auch die Regulatorik ist essentiell für diese Entwicklung. Die geplante EU-Verordnung FIDA (Financial Data Access) erweitert den Umfang von Open Banking und ermöglicht Kunden mehr Kontrolle: von Versicherungen über Investitionen bis hin zu Pensionsprodukten: Kunden sollen selbst kontrollieren, wer auf welche Daten zugreifen kann, und Schnittstellen sollen standardisiert werden.10
Zusammen ergibt das ein klares Bild: Finanzprodukte werden modularer. Finanzdaten werden interoperabel. Und beides zusammen macht integrierte Finanzplattformen deutlich funktionaler.
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Embedded Tax & Accounting
Banking wird eingebettet. Versicherung wird eingebettet. Zahlungen sind eingebettet. Steuern und Buchhaltung wurden in der jüngeren Vergangenheit dagegen häufig noch als separater Vorgang behandelt: als jährliches Ereignis oder als separater Prozess, für den man eine eigene Anwendung öffnet. Dabei können tägliche Transaktionen für Steuerprognosen oder beispielsweise als Hilfe bei der Erfassung von Werbungskosten dienen. Erfasste Investments können bei ausreichenden Informationen zur Steueroptimierung und Planung genutzt werden, sowie Bankbewegungen direkt in die Finanzbuchhaltung einfließen. Daher zeichnet sich ab, dass Steuern und Buchhaltung die nächsten Dienstleistungen werden, die eingebettet (embedded) werden. In den USA passiert dies bereits im großen Stil (mit Anbietern wie Column Tax oder April), spezialisierte Anbieter mit Schnittstelle zum Finanzamt ermöglichen dies per API auch im Deutschen Markt. Mehr dazu unter: Wie implementiere ich eine ELSTER-Schnittstelle?
Beispiele für relevante Daten gibt es genügend: Für Steuererklärungen bei Privatpersonen beispielsweise Gehaltseingänge, Kapitalerträge, Versicherungsbeiträge, Sonderausgaben oder Werbungskosten. Für Buchhaltungslösungen entsprechend Personalkosten, Fuhrpark, Materialkosten oder Umsatzerlöse.
Steuern und Buchhaltung werden also logischerweise vermehrt in andere Finanzprodukte eingebettet, damit aus einem einmaligen jährlichen Ereignis oder einem separaten Prozess ein laufender Prozess wird, der jegliche relevante Daten zu jedem Zeitpunkt in Entscheidungsfindungen einbeziehen kann.
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Drei Stufen für die Zukunft von Steuern und Buchhaltung
Embedded Tax ermöglicht nahtlos integrierte Steuerlösungen in jeder Plattform. Dadurch verändert sich die Nutzererfahrung. Neben Standalone Steuer- und Buchhaltungslösungen, die bisher der Standard waren, ergeben sich weitere Ausbaustufen digitaler Steuerlösungen.
- Stufe 1: Steuern und Buchhaltung bleiben an einem Ort und Prozess. Der Status Quo, bei dem Tools als Standalone-Lösung angeboten werden und Kunden steuerliche Dienstleistungen isoliert in Anspruch nehmen.
- Steuern: Der Kunde öffnet einmal im Jahr eine Steuer-App, erledigt die Erklärung und kommt erst im nächsten Jahr zurück.
- Buchhaltung: Der Unternehmer hat einen separaten Prozess für seine FiBu.
- Stufe 2: Plattform-Fähigkeit statt separate Oberfläche. Steuer- und Buchhaltungslösungen werden zum nativen Feature im Online Banking, der Fintech App oder anderen Finanzplattformen. Der Kunde bleibt in seinem gewohnten Workflow.
- Steuern: Die Steuererklärung bleibt grundsätzlich vom User geführt, wird jedoch bereits mit relevanten Daten und Transaktionen gefüllt.
- Buchhaltung: Die Buchhaltung bleibt ebenfalls vom Unternehmen geführt, Bankbewegungen und Belege fließen jedoch bereits vorbereitet ein.
- Stufe 3: Unsichtbare Infrastruktur. Relevante Daten und Entscheidungen, welche Planung, Optimierung und Einreichung berühren, werden für den Kunden automatisiert erfasst und verarbeitet.
- Steuern: Die Plattform berechnet relevante Vorgänge laufend im Hintergrund und reicht am Jahresende fristgerecht ein, der User muss nur noch bestätigen.
- Buchhaltung: Die Plattform erstellt Voranmeldungen automatisch, das Unternehmen muss nur noch bestätigen.
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Der eigentliche Strukturwandel
Die Zukunft der Finanzdienstleistungen dreht sich damit weniger darum, wer die nächste Bank wird. Sie dreht sich darum, wer die Zentrale wird, über die Kunden auf viele Dienstleistungen zugreifen. Buhl, Lexware, Finanzguru, sowie CLARK kommen alle aus verschiedenen Richtungen, aber bewegen sich auf dieselbe Architektur zu: ein Kundenerlebnis, zunehmend mehr Funktionalität in Richtung One-stop financial hub.
Steuer- und Buchhaltungs-Apps binden Embedded Banking, Versicherungen & Trading bereits an: Embedded Tax & Accounting ist aktuell im Aufschwung und bietet nun auch Banken, Versicherungen und Neobrokern die Möglichkeit Steuern einzubetten, um das Rennen um die finanzielle Zentrale nicht zu verpassen, die Kundenbindung zu erhöhen und Cross-Selling Potenziale zu realisieren. Steuern & Buchhaltung sind hochreguliert, länderspezifisch und rechnerisch komplex. Genau die Eigenschaften, die eine Eigenentwicklung teuer machen. Und genau die Eigenschaften, die einen spezialisierten Infrastruktur- oder API-Anbieter wertvoll machen.
Nicht mehr eigene Apps für Steuern und Buchhaltung. Sondern Steuern & Buchhaltung als Fähigkeit: eingebettet dort, wo finanzielle Entscheidungen ohnehin stattfinden.
Quellen
- [1] Buhl Financial Service GmbH, Handelsregister-Eintragung, Amtsgericht Siegen, HRB 14595, März 2026
- [2] Buhl, Versicherungen vergleichen und verwalten
- [3] Lexware, Geschäftskonto mit integrierter Buchhaltung
- [4] Finanzguru, Finance Manager
- [5] CLARK Schweiz, Dein Partner für Steuern, Versicherungen & Finanzen
- [6] McKinsey & Company, Embedded finance: How banks and customer platforms are converging, Juli 2024
- [7] BCG & Adyen, Moving Embedded Finance from Promise to Practice, September 2025
- [8] Swan, Embedded Banking
- [9] Zurich Edge, Embedded Insurance Platform
- [10] EU-Kommission, Framework for Financial Data Access (FIDA)
Alle Quellen abgerufen am 14. September 2026.
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